IT-Bildungsoffensive: Vernehmlassung

Mit Schreiben vom 5. September 2017 haben Sie unter anderem die Jungfreisinnigen Kanton St. Gallen eingeladen, zum Vorentwurf der IT-Bildungsoffensive Stellung zu nehmen. Wir bedanken uns für die Gelegenheit und kommen dieser gerne nach.

Die Jungfreisinnigen Kanton St. Gallen begrüssen es, dass der Kantonsrat in überwiegender Mehrheit die Erweiterung und Stärkung digitaler Kompetenz fördern will. In einer derart rasant wachsenden Materie darf, insbesondere im Bereich Bildung, der Anschluss nicht verpasst werden, was die Dringlichkeit der eingereichten Motion zusätzlich unterstreicht.

Wir gehen mit den Grundsätzen des Vorentwurfes einig, sehen jedoch einzelne Massnahmen als zu wenig konkret durchdacht. Dadurch entsteht in unseren Augen teils das Bild, dass bereits in der Vorlage «mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird».

Besseres Cost-Controlling

Dass der beantragte Sonderkredit der IT-Bildungsoffensive aufgrund der sehr agilen Thematik in seiner Form atypisch ist und nicht als «durchgestyltes Gesamtkonzept» geplant werden kann, wird bereits in der Vernehmlassungvorlage betont. Doch bedarf es in diesem Falle nach klaren Zielen oder erwarteten Resultaten, welche unserer Meinung nach in der Vernehmlassungsvorlage zu wenig konkret definiert werden. Dadurch läuft der Sonderkredit Gefahr, mit den investierten Mittel nicht die gewünschten Effekte zu erreichen. Nach Ablauf der Investitionsdauer wird es zudem kaum möglich sein, rückwirkende Schlüsse zu ziehen, ob und wie erfolgreich die getroffenen Massnahmen waren.

Auch sehen wir die laufenden Kosten nach acht Jahren in einem höheren Rahmen, da, wie in der Vorlage erwähnt, die Entwicklung im Bereich Digitalisierung extrem schnelllebig und agil ist. Dass zum Beispiel im Bereich Nachqualifikation von Lehrpersonal nach acht Jahren keine weiteren Kosten mehr anfallen sollen, ist deshalb fraglich. Dadurch würde exakt wieder jene Kompetenzlücke entstehen, welche man nun mit der IT-Bildungsoffensive verhindern will. Wir halten es für unwahrscheinlich, dass nach Ablauf der Investitionsdauer die Nachqualifikation zu einem Selbstläufer oder nicht mehr benötigt wird.

Duales Bildungssystem wird vernachlässigt

Der Fokus des Sonderkredits wird auf Hochschulen gelegt. Die Förderung bestehender und neuer Studiengänge halten wir für wichtig und richtig, sehen den dualen Bildungsbereich jedoch gänzlich vernachlässigt. Auch in diesem Bereich sehen die Jungfreisinnigen das Bedürfnis neuer digitaler Kompetenzen. Dies zum Beispiel bei Lehrkräften an Gewerbsschulen: Der digitale Transfer findet nicht nur im Bereich Informatik statt, sondern betrifft eine Vielzahl von Branchen und deren Umgestaltung. Zudem sind viele Lehrmittel oder der Frontalunterricht im Bereich Informatik bereits wieder veraltet. Für uns ist es aus diesen Gründen zentral, dass auch das duale Bildungssystem – also das Berufsbildungswesen – in der IT-Bildungsoffensive miteinbezogen wird.

Synergien besser eruieren und nutzen

Um einen entsprechenden Sonderkredit möglichst effizient nutzen zu können, sollten mögliche Synergien aus allen Bereichen genutzt werden. Diesbezüglich sehen wir für einzelne Punkte in der Vorlage durchaus Potenzial: In Punkt 5.2 wird die Entwicklung eines Schul-Wikis angestrebt. Sollte ein solches System nicht interkantonal verfolgt werden, oder von Lehrmittelverlagen passend zu den Lehrmitteln erstellt werden lassen? Ein Wiki lebt von einer möglichst grossen Reichweite, welche mit dieser kantonalen IT-Bildungsoffensive nicht erreicht werden kann. Unserer Meinung nach sollte das Augenmerkt auf regionale Bedürfnisse gelegt werden.

Gemäss Punkt 5.3 sollen Kurse der HSR auch an der FHO angeboten werden. Die dadurch geschaffene Redundanz halten wir für überflüssig, da die Pendelwege kurz sind und besser die Kompetenzen am jeweiligen Standort gebündelt anstatt verteilt werden. Wir sind davon überzeugt, dass Studierende einen noch fachkompetenteren Studiengang dem Pendelweg vorziehen würden.

Bei dem zu schaffenden Bachelor- und Master-Studiengang «Informatik und Management» in Punkt 5.4 ist uns nicht klar, wie sich dieser grundlegend vom FH-Studiengang «Wirtschaftsinformatik» unterscheiden soll. Gemäss Webseite der FHS St. Gallen wird unter anderem fundiertes Fachwissen im Bereich Informatik Managementkompetenzen vermittelt. Dies ist auch unser Bild dieses Studiengangs. Entsprechend erstaunt sind wir über die Aussage, dass ein Studiengang, welcher «Informatik, Wirtschafsinformatik und Managementdisziplinen verknüpft», bisher nicht existiere.

Fazit

Die Jungfreisinnigen St. Gallen unterstützen die Förderung digitaler Kompetenzen und die digitale Transformation. Das vorliegende Konzept zur IT-Bildungsoffensive vermittelt jedoch das Gefühl, dass ein Sonderkredit von knapp 75 Millionen Schweizer Franken im Giesskannenprinzip verteilt wird. Es sind zu wenig konkrete Zielsetzungen vorhanden, was mit exorbitanten Investitionen in schwammige Massnahmen kompensiert wird.

Die Jungfreisinnigen St. Gallen bedanken sich noch einmal für die Gelegenheit der Stellungnahme und hoffen, dass unsere Anregungen in die definitive Vorlage einfliessen können.

Noël Dolder, Präsident
Fabrice Locher Ersteller
Felix Kuster, Ersteller
Pascal Senn Ersteller
Jan Bauer, Leiter Kommunikation

2017-11-27T20:35:43+00:0030. Oktober 2017|