Hunger bekämpfen! – aber nicht so

Mit ihrer Initiative „Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln!“ verfolgt die JUSO zwar hehre Ziele. Ideologisches Wunschdenken und antikapitalistische Grundeinstellungen versperren den Jungsozialisten jedoch den Blick für die Realität und für die wirklich zielführenden Lösungsansätze.

 

Von Fabienne Bünzli, Vizepräsidentin Jungfreisinnige Kanton St.Gallen

 
Am 28. Februar stimmen wir über die Spekulationsstopp-Initiative ab. Diese will den weltweiten Hunger mit einem massiven Markteingriff bekämpfen. Konkret verfolgt die Vorlage das Ziel, Finanzmarktakteure wie Banken oder Pensionskassen aus den Terminmärkten für Agrarrohstoffe oder Nahrungsmittel auszuschliessen. Eine Ausnahme soll nur gemacht werden, wenn ein solches Geschäft nachgewiesenermassen mit einem Händler oder Produzenten abgeschlossen wird. Dies würde dem Händler oder Produzenten weiterhin ermöglichen, seine Ware abzusichern (hedging).

Hunger wegen Spekulation?
Die Idee hinter diesem Verbot ist schnell erklärt: Die JUSO verorten die Schuld für den weltweiten Hunger bei den Finanzmarkteuren. Mit der Spekulation an den Börsen würden sie die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben und dadurch das Leid tausender Menschen in Drittweltländern verursachen, so die Optik der Initiativbefürworter.

Böse Banker?
Dass die Jungsozialisten auf Kriegsfuss mit dem Kapitalismus stehen und keine Gelegenheit auslassen, dieses System für allerlei Missstände verantwortlich zu machen, ist hinlänglich bekannt. Daher erstaunt es auch wenig, dass die „bösen“ Banken und Investoren auch bei der Ernährungsproblematik als Sündenböcke hinhalten müssen.

Scheuklappen ablegen
Um den Hunger in anderen Ländern aber wirklich zu bekämpfen, ist es nötig, die ideologischen Scheuklappen abzulegen und die wahren Problemursachen zu eruieren. Zeigt sich doch beim Blick auf die empirische Evidenz, dass die Gründe für die Mangelernährung in Drittweltländern andernorts liegen.

Preise sind stabil
So verglich eine Metastudie der Universität Basel und der Hochschule Luzern 100 wissenschaftliche Arbeiten und 130 Studien zur Wirkung von Finanzmarktinvestitionen auf die Nahrungsmittelpreise. Dabei zeigte sich, dass in rund 80% der wissenschaftlich „seriösen“ Untersuchungen keine oder sogar preisdämpfende Effekte der Spekulation auf die Preise für Agrarrohstoffe gefunden wurden. Betrachtet man ausserdem die inflationsbereinigten Preise von Weizen, Mais, Reis und Soja in den letzten 40 Jahren, lässt sich eine weitgehende Stabilisierung feststellen. Entgegen den Behauptungen der Initiativbefürworter sind die Preise also nicht überdurchschnittlich angestiegen. Stattdessen sind sie über die vergangenen Dekaden hinweg tendenziell gesunken und befinden sich seit Längerem auf relativ stabilem Niveau.

Natur und Politik sind die Ursachen
Die Ursachen für den weltweiten Hunger liegen also – empirisch nachweislich – nicht primär bei den Finanzmarktakteuren und deren Investitionen. Stattdessen gehen Experten davon aus, dass beispielsweise Dürren, Unwetter oder Brände einen grösseren Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise haben. Aber auch politische Faktoren spielen eine bedeutende Rolle. So sind viele Drittweltländer stark von Lebensmittelimporten abhängig. Wenn Exportländer ihre Ausfuhren einschränken, steigen die dadurch auch die Preise – zulasten der Importländer.

Herausforderungen lokal angehen
Massnahmen gegen den Hunger sollten daher vor allem auf lokaler Stufe erfolgen: Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine gezielte Entwicklungsarbeit, die die Abhängigkeit der Bevölkerung von den importierten Nahrungsmitteln senkt. Hierfür werden Investitionen in eine bessere Infrastruktur (z. B. Bewässerungsanlagen) benötigt. Zudem wäre es sinnvoll, die lokalen Produzenten in ihrer Ausbildung zu unterstützen, damit sie ihren Ernteertrag erhöhen können.

Klares NEIN am 28. Februar
Vor dem Hintergrund dieser Zahlen und Überlegungen erweist sich die JUSO-Initiative als wenig zielführend zur Bekämpfung der weltweiten Mangelernährung. Ich möchte einen Beitrag zur Senkung des Hungers in Drittweltländern leisten – die Zustände in den ärmeren Gegenden dieser Welt sind unhaltbar und erfordern unser ernsthaftes Engagement. Mit einer Vorlage auf Verfassungsstufe einen dermassen einschneidenden Markeingriff vorzunehmen und dabei diese Problematik nicht ansatzweise zu lösen, ist aber der falsche Weg. Daher stimme ich am 28. Februar NEIN zur JUSO-Initiative „Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln“.  

Für Newsletter anmelden!

Spamfilter: Wie viele Buchstaben hat die Abkürzung der Jungfreisinnigen St. Gallen?
Name:
E-Mail: